Religion bei Dr. P.Schmidt;
Thema: Was ist eine Sekte? - ein (leicht veränderter) Text
von Dr. theol. Andreas Fincke
Häufig wird gefragt, ob diese oder jene Gruppe eine ,,Sekte" ist.
Oder jemand will wissen, ob eine von ihm benannte Gemeinschaft ,,auf der
Sektenliste" steht. Das Bild von der ,,Sektenliste" setzt voraus, daß
es griffige und leicht anwendbare Kriterien gäbe, mit denen zwischen
,,guten" und ,,schlechten" Religionsgemeinschaften und damit seriösen
Kirchen und eben (problematischen) ,,Sekten" schnell unterschieden werden
könnte.
Es gibt jedoch keine ,,schwarze Liste", auf welcher die ,,gefährlichen"
Sekten aufgeführt sind. Aufgrund unserer Erfahrungen können wir
im Einzelfall jedoch sagen, ob es sich um eine Gruppe handelt, in deren
Umfeld es häufiger Konflikte gibt, oder warum wir das Glaubensleben
einer bestimmten Gemeinschaft kritisch sehen.
Der theologische Sektenbegriff
Das Problem besteht darin, daß der Begriff ,,Sekte" auf zwei
unterschiedlichen Ebenen benutzt wird. So gibt es eine theologische Ebene
des Sektenbegriffs: Sekte bedeutet hier eine Abspaltung von einer großen
Kirche. Aus der Sicht dieser Kirche hat die abgespaltene Gruppe den Boden
des gemeinsamen Glaubens verlassen oder die alten Glaubenswahrheiten verändert
und ist somit zur ,,Sekte" geworden. Meist verschlechtert sich die Beziehung
zwischen beiden soweit, daß die Sekte ihrer Mutterkirche jegliche
Glaubwürdigkeit abspricht und für sich selbst beansprucht, den
einzig wahren Weg zu Gott oder zum Heil des Menschen zu kennen. Häufig
fordert sie von ihren Anhängern im gleichen Atemzug totale Unterordnung.
Dieser Prozeß der ,,Versektung" läßt sich am Beispiel
der Zeugen Jehovas gut zeigen: Ursprünglich hatten sich lediglich
einige besorgte Menschen zum Bibellesen zusammengefunden. Diese wollten
keinesfalls eine ,,Sekte" gründen. Im Laufe der Jahre entstand in
diesem Kreis jedoch die Überzeugung, daß nur hier das Wort Gottes
angemessen gedeutet und verstanden werden kann und die großen Kirchen
verdorben seien. Immer mehr definierten sich die Zeugen Jehovas gerade
über ihre Ablehnung all dessen, was den christlichen Kirchen lieb
und wichtig ist: Sie lehnen die christlichen Feste und Sakramente ab, deuten
die Heilige Schrift um und behaupten, alle Kirchen und Weltreligionen seien
Teil des Bösen. Damit ist aus den Bibelforschern des 19. Jahrhunderts
eine ,,Sekte" geworden.
Heute zählt man die Zeugen Jehovas neben der Neuapostolischen
Kirche und anderen Gemeinschaften zu den ,,klassischen christlichen
Sondergemeinschaften", oder eben verkürzt zu den „klassischen Sekten".
Diese haben eine christliche Wurzel, sie entziehen sich (mehr oder weniger)
ökumenischer Zusammenarbeit mit anderen christlichen Gemeinschaften
und beanspruchen für sich, den einzig richtigen Weg zum Heil zu kennen.
Der umgangssprachliche Sektenbegriff
Diese zweite Ebene des Sektenbegriffs überlagert den theologischen
Sektenbegriff. Was meinen die privaten Fernsehsender und viele Boulevardzeitungen,
wenn sie von ,,Sekten" reden?
Hier wird der Sektenbegriff genutzt, um in erster Linie eine Abweichung
vom Werteverständnis der Gesellschaft zu benennen: Eine Gruppe wird
als ,,Sekte" empfunden, die (im harmlosen Fall) aus der bürgerlichen
Welt aussteigt und zurückgezogen in einer Landkommune lebt, oder die
radikal aussteigt, fremde Heilsideen aufnimmt und skrupellos die eigenen
Interessen verfolgt.
Auch hierzu ein Beispiel: Das ,,Zentrum für experimentelle
Gesellschaftsgestaltung" (ZEGG) in Belzig / Brandenburg wird umgangssprachlich
gerne als ,,Sekte" bezeichnet. Das ist insofern plausibel, als im ZEGG
behauptet wird, daß der wahrhaft befreite und neue Mensch entstehen
kann, wenn jeder einzelne ohne Rücksicht auf bürgerliche Werte
und Ordnungen seine Sexualität auslebt. Diese Sicht des Menschen ist
jedoch einseitig und konfliktträchtig. Die Verheißung einer
solchen ,,Befreiung" führt häufig in neue Engführungen.
Was hat das ZEGG mit einer ,,Sekte" zu tun? Das ZEGG ist keine Religion
und damit auch keine Abspaltung von einer Mutterreligion, seine Deutung
des Menschen ist jedoch eindimensional, ideologiegeladen und wirklichkeitsfern,
also eben doch im weiteren Sinne ,,sektiererisch".
Der umgangssprachliche Sektenbegriff will also nicht in erster Linie
die Abspaltung von einer Mutterkirche aufzeigen, wohl aber auf ethische
Entgleisungen hinweisen: Wenn beispielsweise die ,,Holosophische Gesellschaft"
um den Guru Sant Thakar Singh mit obskuren Meditationsvorstellungen Kinder
mißhandelt, dann wird die Öffentlichkeit hier von einer ,,Sekte"
reden. Dabei bleibt die Frage, ob es sich bei Thakar Sing um eine ,,Sekte"
im theologischen Sinn handelt, ungeklärt.
Noch deutlicher wird dieser umgangssprachliche Gebrauch des Sektenbegriffs
mit Blick auf die derzeit in der Öffentlichkeit viel diskutierte Scientology-Organisation.
Bei Scientology handelt es sich weder um eine Abspaltung von einer Mutterreligion
noch überhaupt um eine Religionsgemeinschaft. Daß sie dennoch
umgangssprachlich häufig als ,,Sekte" bezeichnet wird, hängt
mit der Lebenswirklichkeit dieser Organisation zusammen: Sie wird als hochideologisierte
Gruppe mit beängstigenden Visionen erlebt, als verschworene Gemeinschaft,
welche rücksichtslos die eigenen Ziele verfolgt. Kurz: Sie wird als
,,Sekte" erlebt.
Was läßt eine Gemeinschaft versekten?
Es gibt ein Geflecht von Kriterien. Wenn mehrere zutreffen, dann wird
man sagen können, daß die jeweilige Gruppe in der Gefahr steht,
zu ,,versekten":
· Die Gruppe ist klar ausgerichtet auf eine Führerfigur
oder Führerideologie.
· Sie bindet ihre Anhänger eng an sich bzw. an das eigene
Heilskonzept.
· Es gibt kein soziales oder diakonisches Engagement.
· Die Gruppe sieht sich von Feinden umstellt und weiß
eher zu sagen, wogegen sie ist, als wofür sie eintritt.
· Kritik ist weder innerhalb noch von außen möglich.
Wer Fragen stellt, wird gemieden oder verteufelt.
· Wer die Gruppe verlassen will, wird bedroht; Aussteiger oder
Abtrünnige werden tyrannisiert.
Aus diesen Kriterien folgt, daß (zumindest umgangssprachlich)
auch Gruppen als ,,Sekte" wahrgenommen werden, die genau genommen gar keine
religiösen Gemeinschaften sind. Das gilt z. B. für eine ,,Politsekte"
wie die ,,Europäische Arbeiterpartei" (EAP) oder auch für
die umstrittene ,,Psychosekte" ,,Verein zur Förderung der Psychologischen
Menschenkenntnis" (VPM).
Zeichnen sich eigentlich alle Gruppen, die unter theologischen Kriterien
eine ,,Sekte" sind, durch unethisches Verhalten ihren Mitgliedern oder
der Gesellschaft gegenüber aus? Dem ist nicht so. Die ,,Johannische
Kirche" zum Beispiel ist theologisch gesprochen eine christliche Sekte,
weil sie Joseph Weißenberg für den wiedergekommenen Messias
hält. Aber sie ist hinsichtlich ihrer sozialen Wirklichkeit keine
Gruppe, die hoch fanatisiert wäre, Menschen zerstört oder andere
der genannten Sektenkriterien erfüllt. Die ,,Johannische Kirche" soll
deshalb hier als Beispiel für eine ,,harmlose" Sekte genannt sein:
,,Harmlos", weil keine soziale Gefährdung von ihr ausgeht. Aber dennoch
muß die ,,Johannische Kirche" aus theologischer Sicht kritisiert
werden, weil Weißenberg als Inkarnation (=Menschwerdung) des Heiligen
Geistes verstanden wird. Das ist für einen Christen nicht akzeptabel.
,,Versektung" und ,,Entsektung"
Es wird schnell deutlich, daß der Begriff „Sekte" tückisch
ist. Sachgemäßer wäre es, von „Sondergemeinschaft",
Religionsgemeinschaft
oder - falls nötig - von „konfliktträchtigen Gruppen"
zu sprechen. Man muß jedoch sehen, daß sich die Umgangssprache
nicht reglementieren läßt: Der Sektenbegriff ist derart griffig
und beliebt, daß er sich kaum verdrängen läßt. Ein
Kompromiß könnte darin liegen, daß man den Begriff ,,Sekte"
mehr unter dem Aspekt der Entwicklung sieht: Denn Gruppen und Gemeinschaften
können ,,versekten" und auch ,,entsekten". Die ,,Siebenten-Tags-Adventisten"
beispielsweise haben sich in den letzten Jahren deutlich ,,aus der Sektenecke"
heraus bewegt und sind (mehr oder weniger) eine Freikirche geworden. Andere
Gruppen, z. B. einzelne Ausprägungen charismatischer Frömmigkeit,
sind nie als ,,Sekte" angetreten, laufen aber Gefahr, zu ,,versekten".
Der Begriff ,,Sekte" darf nicht als ,,Kampfbegriff" verwendet werden,
um kleinere Religionsgemeinschaften oder Andersdenkende zu stigmatisieren.
Es gibt jedoch Gruppen und Gemeinschaften, die sich selbst absolut setzten,
so tun, als hätten sie Gott oder den Heiligen Geist gepachtet und
Menschen mit problematischen Versprechungen abhängig machen. Hier
muß man sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit von „Sekte"
redet. Im kirchlichen oder staatlichen Kontext sollte dieser Begriff jedoch
vermieden werden.
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